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Zeichnen statt Scrollen

Kritzelei als Anker in der realen Welt


Foto mehrerer Skizzenhefte

Eine Entscheidung, die ich immer wieder treffe

 

Manche Zeichnungen entstehen nicht aus einer Idee, sondern aus der Bewegung der Hand selbst. Genau um dieses „Loslegen ohne Plan“ geht es in meiner aktuellen zeichnerischen Praxis – nicht als Ziel, sondern als Prozess. Einfach aus der Freude am Machen. Gerade mit der Digitaliserung unseres Alltags muss ich aktiv daran arbeiten, mir diese Prozesse zu bewahren.

 

Als Kind der 80er & 90er (Habt ihr dabei auch sofort einen Radio-Moderator im Ohr?) bin ich mit der schrittweisen Digitalisierung unseres Alltags aufgewachsen. Aus dem Gameboy wurde das Nokia-Handy und dann das Smartphone, aus dem Skizzenbuch das iPad.

 

Aber gerade letzteres hat sich für mich nie so richtig entspannend angefühlt. Im Gegenteil: Trotz anfänglicher Euphorie und aller Vorteile habe ich die Entscheidung, analog zeichnen zu wollen, im Laufe der Zeit immer wieder getroffen, weil ich das Unmittelbare, das Haptische beim Gestalten haben möchte.


iPad und Skizzenheft

 

Zielgerichtete Ziellosigkeit

 

Analoge Formate, die mich schon jahrelang begleiten, sind das Urban Sketching und meine Art Journals. Beim Urban Sketching genieße ich es, Orte bewusst und im Detail wahrzunehmen und sie quasi aufzusaugen, das Art Journal nutze ich dagegen vor allem zum Experimentieren und Konzipieren neuer Projekte.

 

Ich habe aber festgestellt, dass beides nicht geeignet ist, um immer dabei zu sein und um kurze Zeitspannen zu überbrücken. Daher habe ich zwei neue Begleiter: Ein dünnes Zeichenheft und einen schwarzen Fineliner. Ihr einziger Zweck? Ein Gegenpol zu allem Kopflastigen und Digitalen. Eine kreative Praxis, die anspruchslos ist und mir erlaubt, meiner Intuition freien Lauf zu lassen. Und ich mache es so einfach wie möglich. Ich muss keinen Stift wählen. Ich kann nichts radieren. Ich will nichts erreichen. Ich will schlicht die Möglichkeit haben, eine Linie zu ziehen, wenn mir danach ist. (Und mir ist sehr oft danach!)

 

Die gewählten Medien sind für mich dabei nicht in Stein gemeißelt, nur sind sie das, was sich aktuell für mich am besten anfühlt. Auf den Seiten stehen keine Daten und ich dokumentiere nicht, wie viel Output herauskommt. An manchen Tagen komme ich gar nicht dazu, an einem anderen entstehen mühelos mehrere Doppelseiten. Alles fühlt sich leicht und beschwingt an. Es ist eine Spielwiese, und das Spielen macht Spaß.

 

Meistens passiert dann das Folgende: Ich schaue mich um, sehe irgendeine Form, die mich interessiert, und bringe diese zu Papier. Irgendwo auf dem Blatt und ohne, dass ich sie realistisch "abbilden" möchte. Ich möchte lediglich einen Ausgangspunkt schaffen. Dann zeichne ich von da weiter, wandere über das Papier, integriere manchmal weitere Dinge, die ich sehe oder auch nicht.

Das Auge sucht, die Hand findet. Richtungen, Kompositionen, Muster. Manchmal entdecke ich etwas, was sich daraus ergibt – eine Landschaft zum Beispiel oder ein Stickerbogen. Andere Male bleibt die Seite völlig abstrakt.


Foto der geschlossenen Skizzenhefte

Zeichnen als Anker

 

Wenn ich zeichne, bin ich total im Moment. Die bewusste Ausrichtung meiner Aufmerksamkeit auf das, was ich physisch vor mir sehe, ist ein guter Ausgleich zu meinem ansonsten so bildschirmlastigen Alltag. Dann kreiere ich Output, statt Input zu konsumieren und agiere, statt zu reagieren.

 

Dabei komme ich ganz bei mir an, kann in meinem Tempo arbeiten, bin unabhängig von allem, was auf der Welt gerade Schlimmes passiert. (Nicht, dass das unwichtig wäre. Aber ich muss mich trotzdem nicht rund um die Uhr damit auseinandersetzen.) Wann immer ich zum Zeichnen zurückkehre, geht es mir im Anschluss besser.

 

Und das Beste? Ich schaffe es, wirklich loszulassen, den Stift eine Linie finden zu lassen, und die Ergebnisse überraschen mich sogar selbst. Ich sehe fasziniert zu, was da spielerisch entsteht, ohne Druck, ohne "gefallen zu wollen". Das zelebriere ich auch richtig. Es geht nicht ums Ergebnis. Hier muss nichts überzeugen. Ich zeichne, bis meine Intuition sagt: Das wars, nächste Seite.


Hier eine kleine Auswahl als Galerie:

 

 

Kritisch könnte man nun fragen: Wozu das Ganze? Das ist doch sinnfreies Kritzeln, das zu nichts führt, oder? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Ich kann nicht wissen, ob daraus etwas wird, aber darum geht es mir auch nicht. Das Minimalziel ist sofort erreicht: etwas entsteht, und es tut gut. Ganz nebenbei trainiere ich, aus allem, was ich um mich herum sehe, Inspiration zu ziehen und keine Angst vor dem weißen Blatt zu haben. Und selbst im Atelier ist es eine gute Übung zum Aufwärmen, bevor ich mich der leeren Leinwand stelle.

 

Apropos Leinwand. Mein Ziel für dieses Jahr ist die Entwicklung einer neuen Bildserie. Aktuell bin ich im Atelier noch in einem sehr experimentellen Stadium und versuche, verschiedene Techniken und Ideen zusammen zu bringen. Bevor da irgendetwas fertig ist oder in Serie gehen kann, wird es noch dauern. Ich bin eben nur ein Mensch und keine Maschine ;)

 

Es sind aber noch einige Bilder meine aktuellen und vorherigen Serien verfügbar – schaut doch gerne mal durch mein Portfolio!

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