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Art Journals – ein Werkzeug, kein Kunstwerk!

Ich lerne am besten, wenn ich etwas aufschreibe – ganz oldschool, mit Stift und Papier. Und sogar noch einmal mehr, wenn ich Dinge farbig markiere oder bebildere. Für mein künstlerisches Weiterkommen pflege ich daher eine Art künstlerisches Tagebuch. Es ist kein Skizzenbuch in dem Sinne, denn es hat nicht zum Ziel, mit schönen Bildern gefüllt zu werden. Vielmehr erschaffe ich mir ein Kompendium all dessen, was ich lerne und sich daraus ergebener Ideen. Und so nutze ich Art Journals:


art journaling

Input festhalten


Ich notiere Wissenswertes aus Büchern, Mitschriften aus Kursen, Tipps aus den Weiten des Internets. Aber ich klebe auch Fotos von Ausstellungen ein, die ich besucht habe – mit Notizen dazu, was mir gefallen hat und warum, was ich daraus mitnehme und was mich weiterbringt.

 

Beispielsweise hingen bei einer Rembrandt-Ausstellung in Frankfurt seine Bilder neben denen anderer Künstler seiner Zeit (ich glaube, es waren keine Künstlerinnen darunter). Es war für mich so offensichtlich, warum seine hervorstachen, wie viel besser er mit Lichtsetzung und Blickführung umging. So etwas mag ich irgendwo im Hinterkopf behalten, aber einmal fotografiert und aufgeschrieben, ist es wahrscheinlicher, dass ich es abrufen kann, wenn ich mal bei einem Portrait "hänge" und unsicher bin, warum es (noch) nicht funktioniert.

 

Manchmal landen auch Fotos von Fundstücken aus dem Alltag darin, die mich inspirieren und deren Motiv, Textur oder Detail ich gerne in meine Bilder integrieren würde. Abgerissene Plakatwände, von innen fotografierte besprayte Scheiben im Zug, ein cooler Farbverlauf.

 

Zu guter Letzt notiere ich darin auch meine Recherchen zu Projekten, da sich meine Bildserien ja oft auf viel Input und Wissen stützen, die ich irgendwo festhalten muss.

 

Output erzeugen

 

In den Journals landen aber auch eigene Ideen, Thumbnails, kleine Skizzen, Farb- und Materialtests und allerlei visuelle Experimente. Hingeworfene Bildideen sind genauso enthalten wie spontane Skizzen von etwas Erlebtem, Doodeleien oder auch mal eine  detailliert schraffierte Zeichnung. So erweitere ich mein visuelles Vokabular und entwickle meinen Stil weiter. Meine gestalterischen Ideen entstehen selten nur aus einem abstrakten Gedanken heraus, vielmehr sind sie Ergebnisse all dieser Beobachtungen und Versuche.

 

Dokumentieren

 

Den vielleicht größten Nutzen ziehe ich aber aus der Dokumentation meines eigenen Vorankommens. Zu sehen, was ich mir einst notiert habe, was mir hingegen heute selbstverständlich erscheint. Zu sehen, was mich mal inspiriert hat und wie sich meine Bilder und Ideen weiterentwickelt haben.

 

Man vergisst so viel. Wie gern hätte ich noch all die Zeichnungen und Ideen aus meiner Kindheit und Jugend! Leider ist davon nicht mehr so viel übrig. Ich wünschte auch, ich hätte früher mit den Art Journals begonnen. Ich mache das regelmäßig erst seit 2021 und es ist trotzdem schon so viel Entwicklung darin zu sehen. Veränderungen nachzuvollziehen und die vielen kleinen Schritte zu reflektieren, die man auf einem Weg gegangen ist, kann sehr bereichernd sein.





Praktische Tipps

 

Ich glaube, dass es nicht den einen 'richtigen' Weg gibt, ein Art Journal zu führen. Es ist ein Werkzeug und sollte so designt und genutzt werden, wie es am besten funktioniert. Vermutlich ist das sehr individuell. Ich habe für mich folgende hilfreiche Rahmenbedingungen definiert:

 

  1. Analog: Damit ich es tatsächlich nutze, müssen es für mich analoge Bücher sein. Ich will das Papier spüren, schreiben, zeichnen, etwas schwarz auf weiß festhalten, sodass ich hinterher darin blättern und lesen kann. Es soll im Regal stehen und mich daran erinnern, dass ich immer darauf zurückgreifen kann, wenn ich vor einer leeren Leinwand stehe. Kein digitaler Projektordner oder Board, den/das ich jemals geführt habe, hat so gut für mich funktioniert.

  2. Absichtlich unschön: Im Journal darf keine Angst entstehen, etwas hinzukritzeln, das unausgegoren ist. Es darf jeder Stift und jedes Material benutzt werden, es wird geschnitten und geklebt (mangels Kleber auch mal mit bunten Klebestreifen), es wird durchgestrichen und kommentiert. Es ist ein Werkzeug und soll auch als solches genutzt werden.

  3. Immer dabei: Es würde nichts nutzen, wenn ich es nicht dabei hätte. Ich habe mittlerweile ein Format gefunden, das mir liegt. Meine Bücher sind etwas größer als A5 und relativ flach, sodass die Hand beim Schreiben und Zeichnen noch bequem liegen kann. Sie sind nicht sonderlich schwer und das Aktuelle daher fast immer dabei – und sollte ich doch mal mit ganz leichtem Gepäck reisen wollen, packe ich mir loses Papier ein und klebe es hinterher ein.

 

Das Art Journaling gehört für mich heute genauso zur künstlerischen Praxis wie das Malen selbst.

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