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Kunst auf Knopfdruck? Über den Wert künstlerischer Arbeit in Zeiten von KI

Die eigentliche Frage

 

An diesem Text sitze ich schon sehr lange. Ich habe recherchiert, überlegt, formuliert und wieder verworfen. Auch ein paar "Gespräche" mit KIs habe ich geführt. Darüber, ob KI-generierte Werke Kunst sein können. Deren Tenor ist quasi: "Kann man so und so sehen, das hängt von deinem Kunstbegriff ab." Eine sehr diplomatische Antwort. Und so gar kein Standpunkt.

 

Dann habe ich festgestellt, dass es mir eigentlich um etwas ganz anderes geht. Nämlich um die Frage, ob meine künstlerische Arbeit noch einen Wert hat angesichts der Flut an KI-generierten Inhalten.


Detailfoto von Pinseln mit fertigem Gemälde "1:0" von Jeanette Bohn

 

Kunst als Erlebnis

 

Spätestens seit dem Zeitalter der modernen Kunst kann theoretisch jedes Medium Kunst sein. Was einen Wert hat, hängt in erster Linie nicht vom Material ab, sondern vom Konzept. Die Aufgabe von Künstler:innen ist es, uns an ihrer Weltsicht teilhaben zu lassen und Themen auf eine neue Art und Weise auszudrücken. Und das in jedem denkbaren Medium, vom abstrakten Gemälde bis zum Konzeptalbum, von der ins Museum gestellten Kloschüssel bis zur schockierenden Performance.

 

Wenn ich in meinen bisherigen drei Semestern Kunstgeschichte an der FKAF eins gelernt habe, dann, dass man nie wissen kann, wie sehr einen etwas berührt oder nicht. Ein Beispiel: Vom ästhetischen Standpunkt aus mag ich vor allem Malerei. Dagegen haben Fotos oder Objekte meist nicht die gleiche emotionale Wirkung auf mich. Aber vor ein paar Monaten waren wir in einer Ausstellung, in welcher der erste Raum wie folgt aussah:

 

Olia Fedorova, „We Are Now Leaving“, 2025, aus der Ausstellung "Undermining the Immediacy“ im MMK Tower, Frankfurt am Main
Olia Fedorova, „We Are Now Leaving“, 2025, aus der Ausstellung "Undermining the Immediacy“ im MMK Tower, Frankfurt am Main

So weit so gut. Ein paar Schilder. Aber in der Auseinandersetzung mit dem Projekt wurde klar, dass es sich hier nicht um irgendwelche Schilder handelte – sondern um ukrainische Ortsausgangsschilder. Ohne Namen. Leerstellen im Raum. Wir mussten durch diese "hindurchgehen", um in der Ausstellung weiter zu gelangen. Als wir dies taten, ließen wir im übertragenen Sinn all die ausradierten, nun namenlosen Orte hinter uns, die der Krieg in der Ukraine gekostet hat. Wow.

 

Ich kriege beim Schreiben gerade wieder Gänsehaut. DAS ist Kunst. Diese Verbindung zwischen Künstler:in, Kunstwerk und Rezipient:in, dieses Gefühl, dass das etwas "mit mir macht".

 

Der Weg ist das Ziel – oder zumindest eins davon

 

Als Künstlerin erlebe ich den Prozess künstlerischer Arbeit als etwas sehr Erfüllendes. Es geht mir dabei um Flow, um Intuition und um das Loslassen meiner Erwartungen. Um den Tanz zwischen Fühlen und Denken, zwischen Machen und Bewerten, zwischen Bewegung und Innehalten. Der authentischste künstlerische Ausdruck entsteht erst, wenn man ganz bei sich ist.

 

Und es geht darum, in diesem Prozess zu wachsen. Fähigkeiten zu nutzen, die man gelernt hat, weil man es immer wieder versucht hat – von den ersten holprigen Versuchen bis zur Entwicklung der eigenen Handschrift. Ich glaube, dass das etwas zutiefst Menschliches ist – wer kennt denn keine Szenen von Kindern, die stolz sind, weil sie irgendwas zum ersten Mal selbst gemacht haben?

 

Der Prozess ist oft steinig. Vor allem, wenn man neue Wege gehen will, gibt es keine Shortcuts. Aber wie gut das Gefühl ist, wenn man durch das Tal der Tränen, den Ugly Middle Stage oder wie auch immer man es nennen will, durch ist – wenn aus der ersten, aufregenden Idee nicht nur die ersten kläglichen Versuche geworden sind, sondern etwas Fertiges, Selbstgemachtes. (Habt ihr auch gerade Tom Hanks in Cast Away im Ohr? "Ich habe Feuer gemacht!")

 

Was KI uns aber ermöglicht, ist, auf dem schnellsten Weg, ohne Tränen und ohne Umwege, direkt über die Ziellinie zu gehen. Aus einem Prompt – einer Aufgabe – wird in kürzester Zeit ein Text, ein Bild oder ein Song. Input rein, Output raus, von jetzt auf gleich.

 

Aus meiner Sicht kann das nur nach hinten losgehen. Wie soll man dann besser werden? Wie soll man überhaupt beurteilen, ob das, was man da liest, sieht oder hört, das ist, was man haben wollte? Und wie soll man auf etwas stolz sein, das man nicht selbst gemacht, sondern nur grob umrissen hat?

 

Detailfotos aus dem Atelier: Tape mit Farbe und der Beginn eines neuen Gemäldes von Jeanette Bohn

 

Raum zur Reflektion

 

Was mir in den Diskussionen zum Thema auch noch zu kurz kommt, ist die Tatsache, dass künstlerische Arbeit auch ein Weg sein kann, Dinge zu verarbeiten. Die Suche nach dem eigenen Ausdruck ist ein Weg zur Auseinandersetzung mit dem, was uns umgibt oder widerfährt.

 

Ich habe zum Beispiel mal in einer schwierigen Phase meines Lebens ein Selbstportrait gemalt, in welches ich all meine Emotionen reingepackt habe, all die Traurigkeit und die Wut. Als es fertig war, dachte ich über die Person in dem Bild: Sie ist zwar mitgenommen, aber sie blickt mich direkt an. Sie weicht nicht aus. Sie ist stark und sie schafft das – – – Ich schaffe das. Weil ich das da reingemalt habe, mehr oder weniger unbewusst. Nie und nimmer hätte ich dieses Gefühl von einem "mal eben" von KI erstellten Bild gehabt.

 

Das Gemälde "Unbroken" von Jeanette Bohn in einem Wohnzimmer

 

In Beziehung zueinander

 

Mir ist klar, dass die Grenze zwischen "KI-generiert" und "KI-assistiert" fließend ist und dass man als Rezipient:in vielleicht jetzt schon nicht mehr unterscheiden kann, wieviel vom Künstler bzw. von der Künstlerin tatsächlich in einem Werk steckt. Es ist auch klar, dass KI als Werkzeug nicht mehr verschwinden wird und dass es sicher Künstler:innen geben wird, die ihren ehrlichen Ausdruck mithilfe von KI finden.

 

Vielleicht müssen wir uns daher bei der Bewertung eines Werkes einfach fragen, ob wir zum Schöpfer hinter einem Werk eine Beziehung aufbauen können. Ich glaube, dass Menschen diese Verbundenheit aktiv suchen und spüren wollen. Uns interessiert eben nicht nur das Endergebnis, sondern auch der Mensch dahinter. Diese Beziehung endet auch nicht in einer Ausstellung, sondern setzt sich fort in den Räumen derjenigen, die mit einem Kunstwerk leben. Ich glaube, dass darin ein Wert liegt, den KI nicht so einfach ersetzen kann.

 

Live und in Farbe

 

In meinen aktuellen Bildern beschäftige ich mich mit technologischen Fragestellungen. Die Arbeiten meiner HaBits-Serie sind Ausdruck meiner Auseinandersetzung mit der digitalen Realität, in der wir leben. Einige davon sind noch dieses Wochenende in Groß-Umstadt zu sehen – ganz analog ;)

Ausstellung: "Leben in der Main-Metropole", Kunstforum Säulenhalle, Markt 1, 64823 Groß-Umstadt, Samstag + Sonntag 10–18 Uhr

Collage von Fotos der Ausstellung "Leben in der Main Metropole" in Groß Umstadt

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